Lebenslauf des Magirus Maybach

Allerlei Interessantes und wissenswertes über den Magirus-Maybach-Car Jahrgang 1930. Aufgeschrieben aus Erinnerungen und alten Dokumenten von Xaver Suter aus Basel, dem Sohn des ersten Besitzer, und ergänzt vom zweiten und jetzigen Besitzer Werner Utz aus Bonstetten.
Der Erstbesitzer, Xaver Suter-Urech, wurde am 29. Februar 1892 in Weggis am schönen Vierwaldstättersee geboren, im gleichen Jahr wie auch Rudolf Diesel sein Patent für eine neuartige Kraftmaschine anmeldete. Seine Eltern führten eine Molkerei. Sein Talent zur Mobilität und Mechanisierung machte sich bei der Modernisierung des Molkereibetriebes sehr bald bemerkbar. Für die Milchtour kam ein Pferd zum Einsatz, das dann aber bald durch ein zweipferdiges Elektromobil der Marke Tribelhorn ersetzt wurde. Sein ständiger Begleiter war der Autovirus. Und so wurde bald eine Autogarage gebaut, welche er auch selber leitete. So entstand innert kurzer Zeit ein Reise- und Tourismusunternehmen mit diversen Fahrzeugen. Zur Hauptsache waren es Mercedes, aber auch ein Pic-Pic aus Genf mit Jahrgang 1928 war dabei.

Magirus-Maybach mit Einblick von oben
Magirus-Maybach mit Einblick von oben
Xaver Suter-Urech war ein Pionier des Fremdentourismus. Seine Spezialität waren Alpenrundfahrten mit einem Benz-Gaggenau mit offener Karosserie (sog. Badewannenausführung). Obwohl dieser Car mit Jahrgang 1925 mit Vollgummibereifung ausgerüstet war, ist Xaver Suter-Urech damit bis zum Rhonegletscher gefahren. Dieses Fahrzeug war jedoch sehr anstrengend zu chauffieren. Er kaufte sich dann einen Saurer-Omnibus Typ 2BH mit 65 PS, welcher wohl etwas stärker und auch entsprechend schneller war. Trotzdem entsprach dieses Fahrzeug noch nicht den Erwartungen von Xaver Suter-Urech. So entschloss er sich, ein Auto nach seinen Anforderungen und Wünschen anzuschaffen.

Ende Oktober 1929 fuhr er nach Ulm an der Donau zur Firma C. D. Magirus AG und legte dort die Pläne für sein Traumauto dar. Das wichtigste für ihn war ein sehr starker Lenkungseinschlag, damit man alle Kurven am Furka- Grimsel- und Brünigpass in einem mal durchfahren kann. Xaver Suter-Urech forderte einen Wendekreisdurchmesser von 13.5 - 13.75m auf der Spur des äusseren Vorderrades gemessen. Auch bezüglich der Geschwindigkeit hatte er seine Vorstellungen. Den Furkapass wünschte er sich mit 24 - 28 km/h zu befahren. Zudem sollte das Getriebe angepasst, der Benzintank vergrössert und einen überdimensionierten Kühler, um eine Überhitzung des Motors zu vermeiden, eingebaut werden.

1975: Die erste Fahrt von Werner Utz mit dem Magirus-Maybach Car
1975: Die erste Fahrt von Werner Utz mit dem Magirus-Maybach Car
Nach einer dreiwöchigen Bedenkzeit wurde er benachrichtigt, dass voraussichtlich sämtliche Angaben erreicht werden können. So ging mein Xaver Suter-Urech Mitte Dezember mit Herrn Streun, Karossier aus Bern, zu den Magirus-Werken nach Ulm um die näheren Details nochmals zu besprechen. Herr Streun erhielt bereits den Chassisplan und konnte somit bereits mit dem Aufbau beginnen. Im Brief vom 29. Januar 1930 versichert die C. D. Magirus Aktiengesellschaft, dass der von Xaver Suter-Urech geforderte Wenderadius von 13.5m eingehalten werden könne. Um die verlangte Geschwindigkeit zu erreichen, wurde ein Maybach-Motor mit 100 PS eingebaut. Um den Fahrkomfort und die Geschwindigkeit zu erhöhen, wurde anstelle des üblichen Dreiganggetriebes ein 4 Gang ZF Aphon-Getriebe, mit gehärteten und Maag geschliffenen Zahnräder und angeflanschten Maybach-Schnellgang-Getriebe, eingebaut. Ebenso musste eine spezielle Vorderachse für den gewünschten Kurveneinschlag, mit spezieller Brems-Entkräftigung beim Einschlag, hergestellt werden. Ebenfalls ein Bosch-Dewander Bremshilf-Apparat wurde eingebaut. Zusätzlich eine Bergstütze, die das Anfahren in der Steigung mit der Handbremse erleichterte. Für die diversen extra Anfertigungen, war ein nicht unwesentlicher Mehrpreis entstanden. Es wurden dafür aber nur die Selbstkosten von 600 Reichsmark, rein netto, in Rechnung gestellt.

Im weiteren wurde das Fahrzeug mit einem verlängertem Kühler und mit verchromten Boschscheinwerfern in Luxusausführung (wie sie bei den Personenwagen verwendet worden sind) geliefert. Ausgerüstet wurde das Chassis mit leicht abnehmbaren Scheibenrädern für Niederdruckreifen 36 x 8.25, vorn einfach , hinten doppelt (jedoch ohne Bereifung). Ebenso gehörte dazu ein elektrisches Signalhorn, eine Ballhupe, Werkzeug und Reserveteile und ein 120 Ltr. fassender Benzintank. In der Lieferung nicht inbegriffen waren die Kotflügel und die Motorhaube.

Am 31. Januar 1930 unterzeichnete Xaver Suter-Urech den Auftrag für das Magirus-Chassis, Typ MLO. ausgerüstet mit all den vorgängig beschriebenen Details und Änderungen und einer Tragfähigkeit von ca. 4500 kg. Man einigte sich auf einen Kaufpreis von 17'500 Reichsmark.

1980: Werner Utz neben seinem festlich geschmückten Magirus-Maybach Car
1980: Werner Utz neben seinem festlich geschmückten Magirus-Maybach Car
Vier Wochen nach Auftragserteilung wurde das Chassis an den Karosseriebauer Ramseier, Streun & Cie in Bern geliefert. Dank dem, dass Herr Streun die Chassispläne schon hatte, konnte er bereits vor Lieferung des Fahrzeuges mit dem Aufbau beginnen. Aus diesem Grund war es auch möglich, dass der Omnibus Ende März bereits am Auto-Salon in Genf, als erster Omnibus mit elektrischem Schiebedach, präsentiert wurde.

In den folgenden Jahren wurde dieser Car nur durch Xaver Suter-Urech chauffiert, er ist bis 1953 sicher mehr als 1000 mal die Furka-Grimsel-Brünigstrecke (240 km) pannenfrei gefahren. Dabei erhielt der Car den Spitznamen "Furka - Renner". Die Postauto-Chauffeure erhielten die Anweisung, ihre Fahrzeuge beiseite zustellen, um dem Magirus-Maybach-Car den Vortritt, resp. freie Fahrt zu gewähren. Auch wurden die Reisenden des Rheingold-Zuges in Luzern vom Magirus-Maybach-Car abgeholt. Das war auch der Grund für den Namen Rheingold. Zur Freude der Reisenden wurde, mit dem grossartig ausgestatteten Fahrzeug, Ausflüge in die Schweizer Alpen unternommen.

Da der Geschäftsnachfolger weder Freude noch Interesse an diesem Fahrzeug hatte, wurde es in einem Schopf eingestellt. Da Xaver Suter (dem Sohn von Xaver Suter-Urech) dieser Wagen sehr am Herzen lag, liess er ihn nicht verschrotten, sondern begann im Winter 1972 den Wagen in Betrieb zu nehmen. Nach intensiver Freizeitarbeit, konnte Xaver Suter den Wagen wieder soweit herstellen, dass er gefahren werden konnte und somit auch zum Verkauf ausgeschrieben werden konnte. Im Jahre 1973 wurde er in der Auto-Revue zum Kauf angeboten. Ebenfalls erschien in der Ausgabe 4/1974 "Die Motorpfeife" (Organ des Schw. Motor-Veteranen-Clubs) ein Artikel dieses einmaligen Fahrzeuges. Am 30. November 1974 wurde der Kaufvertrag zwischen der Firma Xaver Suter & Cie, Reisebüro in Weggis und Werner Utz in Bonstetten abgeschlossen.

2003: Werner Utz neben dem Magirus-Maybach Car kurz vor der Abfahrt
2003: Werner Utz neben dem Magirus-Maybach Car kurz vor der Abfahrt
In den folgenden Jahren wurde das Fahrzeug ständig erneuert. Im Winter 1982/83 wurde das Fahrzeuginnere durch die Firma Hess AG in Bellach SO restauriert. Die Aussenrestauration erfolgte im Winter 1993/94 durch die Firma Ramseier und Jenzer in Biel. Der romantische und nostalgische Car hat durch die fachkundig ausgeführte Arbeit noch dazu gewonnen. Das Fahrzeug besitzt auch eine Lautsprecheranlage mit Mikrofon, Radio und Tonbandgerät. Falls gewünscht, lässt sich das Faltdach nach hinten kurbeln. Die dunkelrote Aussenfarbe mit den goldenen Verzierungen gibt dem Fahrzeug noch das gewisse etwas. Für einen gemütlichen Ausflug stehen 25 Sitzplätze zur Verfügung.

Dieser Wagen ist im jetzigen Zustand schöner als je zuvor. Er gilt auch als einziger auf der Welt, dieses Typs, der sich noch in Betrieb befindet. Mit den Oldtimer-Fahrten hat dieses Fahrzeug dem Besitzer sowie der wehrten Kundschaft viel Anerkennung und Freude gebracht.

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